Etikettenschwindel

Klagen über Schubladen wurden wieder einmal laut: Es sei traurig, dass viele Bücher völlig zu Unrecht von Erwachsenen nicht gelesen würden, nur weil sie unter dem Etikett «Kinder- und Jugendliteratur» erschienen. Solches war an einer Veranstaltung im Literaturhaus zu hören,


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Klagen über Schubladen wurden wieder einmal laut: Es sei traurig, dass viele Bücher völlig zu Unrecht von Erwachsenen nicht gelesen würden, nur weil sie unter dem Etikett «Kinder- und Jugendliteratur» erschienen. Solches war an einer Veranstaltung im Literaturhaus zu hören, die von drei Autoren aus ebendiesem Bereich bestritten wurde. Das zu einem Grossteil bereits ergraute Publikum hatte sich dagegen offenbar vom Titel «Jugendbuchabend» nicht abschrecken lassen.

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Wie willkürlich die Etikettierung nach dem Wachstumsstadium der Leser sein kann, demonstrierte der österreichische Autor und Illustrator Stefan Slupetzky mit zwei von seinen Kurzgeschichten, die - ursprünglich für Erwachsene gedacht - schliesslich im Jugendbuchprogramm herausgekommen sind. Nicht nur Gemüter unter 18 dürften etwa von der tragischen Geschichte zweier Schafe ergriffen sein: Leopold und Gundi verlieben sich bei ihren allabendlichen, jeweils nur einen Moment dauernden Begegnungen im Kopf eines Schäfchen zählenden Knaben, doch die Schäfersekündchen sind gar zu kurz («Wie soll man da bloss Lämmchen machen?»), und der Untergang ist endgültig besiegelt, sobald dem Heranwachsenden beim Einschlafen Aufregenderes einfällt, als Schäfchen zu zählen.

Wild zeichnend lüftete die Comic-Autorin Debra Drenten alias Frida Bünzli das Geheimnis ihres Pseudonyms, das auf ein Missverständnis zurückgeht. Die Amerikanerin erwartete eine Begleiterin, als ein Zürcher Freund ankündigte, er komme mit der Frida Bünzli, und war enttäuscht, dass sich die vermeintliche Frau als Verkehrsmittel entpuppte: «Frida Bünzli» heisst im Volksmund die Forchbahn. So sei der Name zum Symbol ihres Integrationsprozesses geworden. Zum Thema Inspiration malte sie ihre Sehnsucht aus, «Ideen» unter «Brot» und «Käse» auf den Einkaufs(wunsch)zettel setzen zu können, um dann im Laden nur noch die Frage zu beantworten, ob sie diese lieber tranchiert hätte oder am Stück.

Ghazi Abdel-Qadir, der in Palästina geborene, heute in Deutschland lebende Autor von Jugendbüchern wie «Mustafa mit dem Bauchladen», verwickelte einen zuletzt in die Geschichte um einen palästinensischen Schüler, dem der Bleistift fehlt und der dann zufällig nach Kuwait gerät, um dort auf Schweizer Touristen zu stossen, die freiwillig in der Wüste Ferien machen. Wenn Abdel-Qadir ein Zürcher wäre, würde er nur Märchen schreiben und sich nicht ums Politische scheren, sagt er. Doch dies ist vielleicht auch nur fabuliert, denn bei ihm weiss man nie, wo das Phantasieren beginnt - was nicht nur Kinder fasziniert.

Christine Weder

Zürich, Literaturhaus, 27. November.