
- Im Film âGemini Manâ wurde eine Hauptrolle computeranimiert.
- Dafür wurden Videos aus âBad Boysâ und âFresh Prince of Bel-Airâ genutzt, um Will Smith möglichst realistisch wie einen 23-Jährigen aussehen zu lassen.
- Die Technologie wirft ethische Fragen auf, soll aber das nächste groÃe Ding in Hollywood werden.
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Will Smith übernimmt im Film âGemini Manâ gleich zwei Rollen: Einen 53-jährigen Elite-Auftragskiller, Henry Brogan, und sein 23-jähriges Ich, genannt Junior. Der Plot: Der Elite-Auftragskiller Henry Brogan wird plötzlich von einem mysteriösen jungen Agenten verfolgt, der offenbar jeden einzelnen seiner Schritte vorhersehen kann.
Das besondere bei der Umsetzung ist, dass Smith, der selbst gerade 51 geworden ist, für die Rolle des 23-Jährigen nicht mit Make-up oder der sonst in Hollywood üblichen De-Aging-Technologie verjüngt wurde. Stattdessen wurde Will Smiths Junior-Rolle vollständig computeranimiert.
Eine Technologie, die zukunftsweisend für die gesamte Branche sein soll. Das erhofft sich zumindest die Firma hinter dem Projekt. Der Plan könnte aufgehen. Denn: Die Animation überzeugt. âGemini Manâ kommt am 3. Oktober in die deutschen Kinos. Einige Filmkritiker haben den Film bereits gesehen und sind sich einig: Regisseur Ang Lee hat ganze Arbeit geleistet. Das Ergebnis ist in der Form und Qualität neu.
Firma hinter âGemini Manâ hat auch Special Effects bei âHerr der Ringeâ und âAvengersâ gemacht
Das Drehbuch für den Film kursiert in Hollywood schon seit etwa 20 Jahren â doch bislang galt es als Konsens, dass die Technologie dafür noch nicht bereit war. Harrison Ford, Jon Voight und Mel Gibson waren als Darsteller im Gespräch. 2017 kam das Projekt zu Regisseur Ang Lee, der sich zuvor mit Filmen wie dem oscarprämierten âLife of Piâ einen Namen gemacht hat â ebenfalls für exzellente visuelle Effekte bekannt.
Für die Animation bei âGemini Manâ hat Paramount Pictures das neuseeländische Unternehmen Weta Digital beauftragt, das von Peter Jackson gegründet wurde und seitdem auch die visuellen Effekte für die âHerr der Ringeâ-Reihe und die Marvel-Filme wie âAvengers: Endgameâ oder die âX-Menâ-Reihe verantwortet. Stuart Adcock, Leiter des Facial-Motion-Departments, ist davon überzeugt, dass die neue Technologie ein groÃer Schritt für die Filmbranche ist.Â
Sein Team hat die gesamte Gesichts- und Hautstruktur von Will Smith analysiert und verarbeitet. Doch nicht nur das: Aus âIndependence Dayâ und âBad Boysâ wurden Elemente seines jüngeren Ichs für Junior genutzt. Und natürlich auch aus Will Smiths wohl bekanntester Rolle: der âFresh Prince of Bel-Airâ.
âWenn wir unsere Effekte nicht nicht überzeugend schaffen, ist es verstörend, sie sich anzusehenâ
Für âGemini Manâ wird die Hautstruktur von Will Smith auf mehreren Ebenen simuliert und gleichzeitig ein Netz von Muskelbewegungen geschaffen. Das System erkennt: Wenn Will Smith beispielsweise lächelt, müssen etliche Muskeln im Gesicht korrespondieren. Weitere Schwierigkeiten: Die Flüssigkeit in den Augen. Wie bewegt sie sich, wenn sich das Gesicht bewegt oder die Figur blinzelt? Wie lange braucht es, bis Blut zurückflieÃt, nachdem Will Smith seine Stirn runzelt? Adcock hat sich monatelang mit derartigen Fragen beschäftigt.Â
âNur so konnten wir sichergehen, dass der animierte Will Smith realistisch aussiehtâ, sagt Adcock im Gespräch mit Business Insider. Er hat etwa ein Jahr gebraucht, bis das Gesicht des 23-jährigen Smith authentisch reagiert. Auch privat achtet Adcock seitdem auf Besonderheiten in der Mimik von Menschen.
Aber er steht vor einem groÃen Problem: Das Publikum duldet keine Fehler. âWir haben uns evolutionär zu Experten für die subtilsten Dinge im Gesicht entwickelt, die uns verraten, dass unser Gegenüber uns entweder verarscht oder krank istâ, sagt Bill Westenhofer aus dem Team der visuellen Effekte bei âGemini Manâ dem Tech-Magazin âWiredâ. âWenn wir unsere Effekte nicht nicht überzeugend schaffen, ist es verstörend, sie sich anzusehen.â
Special-Effects-Team als Hollywoodstar
Das überzeugende Ergebnis sei zudem nur möglich, wenn die Schauspieler hinter dem Projekt exzellent seien, sagt Adcock, und räumt so die naheliegende Frage aus dem Weg, ob Schauspieler künftig überflüssig sind. âDiese Technologie kann es guten Schauspielern ermöglichen, nicht mehr nur Rollen in ihrem eigenen Alter zu spielen.â
Ãbrigens: Den jungen Will Smith zu animieren hat am Ende fast doppelt so viel gekostet wie die Gage des Schauspielers selbst, heiÃt es aus der Produktion. Und Smith ist auf der âForbesâ-Liste der bestbezahlten Schauspieler in diesem Jahr immerhin auf Platz zehn gelandet. Aus Kostengründen werden Schauspieler ihre Jobs also so schnell nicht an Computeranimierte Konkurrenz verlieren. Billiger wäre es also bei weitem nicht, Schauspieler durch Computeranimationen zu ersetzen.
Dennoch nehmen visuelle Effekte eine immer gröÃere Rolle ein. Bei der IFA im September war es Stuart Adcock, der von Steven âunser Mann in Hollywoodâ Gätjen auf der Bühne mit Fragen überhäuft wurde â nicht Superstar Will Smith, und auch nicht Ang Lee. Adcock gibt die Interviews. Es scheint, als hätte Hollywood einen neuen Star.
Kann die Technologie hinter âGemini Manâ für kriminelle Zwecke benutzt werden?
Die Technologie wirft jedoch die Frage auf, welche Möglichkeiten es gibt, sie auÃerhalb von Filmproduktionen zu nutzen. Seit einigen Jahren tauchen immer wieder sogenannte Deepfakes auf âVideos von Politikern, die täuschend echt aussehen, es aber nicht sind. Wenn die Technologie in die falschen Hände gerät, welche Konsequenzen hätte das in Zeiten von Falschmeldungen und politischen Unsicherheiten?
âEs entstehen ein paar ernsthafte Probleme dadurch, dass wir fotorealistische Figuren schaffen können, dass wir Schauspieler digital verjüngen oder Aufnahmen verstorbener Schauspieler digital zurückholen könnenâ, sagte Schauspieler, Regisseur und vor allem Experte der Motion-Capture-Technik, Andy Serkis, im Interview mit âScreen Dailyâ. Er wurde vor allem für Gollum aus âHerr der Ringeâ berkannt. âWenn aus deiner Schauspielerleistung Daten werden, kann sie manipuliert, umgearbeitet oder zerteilt werden, so wie es die Musikindustrie mit Stimmen und Beats macht. Wenn wir dazu in der Lage sind, was davon ist dann intellektuelles Eigentum? Wem gehört die Autorenschaft der Schauspielleistung? Wo sind die Grenzen?â
Stuart Adcock sieht seinen Fokus aber auf einer fiktiven Welt. âEs wird immer Menschen geben, die Technologie für kriminelle Zwecke nutzen. Das ist bei Photoshop genausoâ, sagt er. âDas ist kein Grund, sie nicht für Filme zu entwickeln.â Dass noch einige rechtliche und ethische Fragen zu klären sind, sei ihm bewusst.Â