Nach dem New-START-Aus sind die USA und Russland erstmals seit jahrzehnten ohne Atomwaffen-Vertrag.
Nach dem New-START-Aus sind die USA und Russland erstmals seit jahrzehnten ohne Atomwaffen-Vertrag.
Mikhail Svetlov/Getty Images

Der „New Start“-Vertrag über Kernwaffen zwischen den USA und Russland ist in der vergangenen Woche ausgelaufen.

Da kein Folgeabkommen erzielt wurde, warnen Experten nun, dass der Weg für eine größere nukleare Bedrohung geebnet sei.

Die USA erklärten, dass China in künftige Rüstungsabkommen einbezogen werden müsse.

Das 15-jährige Abkommen zur Begrenzung der Nukleararsenale der USA und Russlands, das den Namen „New Start“ trägt, ist Geschichte. Laut Rüstungskontrollexperten öffnet dies Tür und Tor für Misstrauen, welches das Risiko von Fehlkalkulationen erhöhen könnte.

Mit dem Auslaufen des Vertrags in der letzten Woche – der die Anzahl der Atomköpfe begrenzte, die beide Seiten auf Bombern, U-Booten und Raketen stationieren durften – schwindet in einem Moment extremer Spannungen in Europa das Maß an Transparenz zwischen Washington und Moskau. Ohne die Verifizierungsprozesse und den formellen Austausch, wie etwa Inspektionen vor Ort, werden die Verteidigungsstrategen künftig im Dunkeln tappen.

„Das wird sehr wahrscheinlich dazu führen, dass sowohl die USA als auch Russland wieder zu Worst-Case-Annahmen über die Handlungen des jeweils anderen zurückkehren“, erklärte Mackenzie Knight-Boyle, Senior Research Associate beim Nuclear Information Project der Federation of American Scientists (FAS), gegenüber BUSINESS INSIDER (BI).

Ende einer jahrzehntelangen Ära gemeinsamer Rüstungsabkommen

Der 2010 unterzeichnete und 2011 offiziell ratifizierte New-Start-Vertrag markierte den vorläufigen Endpunkt einer Reihe von Rüstungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland. Damit bricht eine jahrzehntelange Ära ab, in der sich beide Nationen stets an vertragliche Limits für einsatzbereite Atomsprengköpfe hielten. Unter New Start war die Stationierung auf jeweils 1.550 Sprengköpfe und 700 Trägersysteme begrenzt.

Ein Kernstück des Abkommens war das gegenseitige Verifizierungssystem: Washington und Moskau informierten sich über Truppenbewegungen von Atomwaffen und führten Inspektionen auf Raketenstützpunkten sowie Bomber- und U-Boot-Basen durch. Experten lobten diesen Prozess als robust und aufschlussreich – er war das Fundament für das Vertrauen, dass beide Mächte ihre Verpflichtungen tatsächlich erfüllten.

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Ohne den Vertrag herrsche ein „Gefühl von geringerer Vorhersehbarkeit und Transparenz zwischen den beiden Nationen“, erklärte Eliana Johns, Senior Research Associate beim Nuclear Information Project der FAS, gegenüber BI. Der Verifizierungsprozess habe detaillierte Informationen über nukleare Aktivitäten geliefert, einschließlich Übungen und Lagerstätten – bis hin zu Details wie der Frage, wie viele B-52 Stratofortress-Bomber für das Mitführen von Atomwaffen ausgerüstet seien, fügte sie hinzu.

Die USA und Russland verfügen auch Jahrzehnte nach dem Kalten Krieg über die mit Abstand größten Atomwaffenarsenale weltweit. Chinas rasanter Ausbau seines Arsenals beunruhigt die US-Führung zudem, ungeachtet des Versprechens Pekings, Atomwaffen in einem Krieg nicht als Erstes einzusetzen.

Nun ist die durch „New Start“ gewährleistete Planbarkeit verloren. Ohne Beschränkungen könnten nukleare Streitkräfte wie Interkontinentalraketen (ICBMs) und U-Boote in einer Weise aufgestockt werden, die ein Wettrüsten wie im Kalten Krieg riskiert. Aktuell tragen alle stationierten ICBMs der USA nur einen Sprengkopf; etwa die Hälfte ist jedoch mit Mk21A-Wiedereintrittskörpern ausgestattet, die drei Sprengköpfe tragen könnten. Planung und strategische Aufstellung werden künftig von mehr Unbekannten geprägt sein, und Verteidigungsbeamte auf beiden Seiten werden bei der Risikobewertung auf bloße Annahmen angewiesen sein.

New-Start-Aus könnte massive Aufrüstung zur Folge haben

Laut Knight-Boyle, Johns sowie dem stellvertretenden Direktor des FAS Nuclear Information Project, Matt Korda, und dessen Direktor Hans Kristensen wäre es möglich, dass die US-ICBM-Streitkräfte ihre Kapazität durch das Bestücken mit Reserve-Sprengköpfen von 400 auf 800 verdoppeln. Eine Erhöhung der Sprengkopfzahl bei U-Booten könnte sogar noch schneller erfolgen und zusätzlich 800 bis 900 Sprengköpfe hinzufügen. Die rascheste Hochrüstung betrifft die Konfiguration von B-2 Spirit- und B-52-Bombern für den Transport weiterer Bomben; Schätzungen gehen von bis zu 800 für diese Flugzeuge verfügbaren Nuklearwaffen aus.

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Dies bedeutet jedoch nicht, dass die USA und Russland diese Schritte sofort einleiten werden. Die Bestückung mit zusätzlichen Sprengköpfen würde erhebliche Ressourcen, logistische Planung und Zeit erfordern, könnte die Spannungen weiter anheizen und Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Verwundbarkeit aufwerfen. Dennoch verfügen beide Länder über eine „erhebliche Kapazität zur Aufstockung der Sprengköpfe (warhead upload capacity), die es ihnen ermöglichen würde, ihre stationierten Nuklearstreitkräfte relativ schnell zu vergrößern“, schrieben die Rüstungskontrolleure in dieser Woche.

„New Start“ war ursprünglich nur auf eine Laufzeit von zehn Jahren ausgelegt, mit der Option auf eine fünfjährige Verlängerung, der die USA und Russland 2021 zustimmten. Im folgenden Jahr marschierte Russland in die Ukraine ein und setzte 2023 seine Teilnahme aus, erklärte jedoch, sich weiterhin an die numerischen Obergrenzen halten zu wollen. Dies bedeutete, dass der Austausch von Daten, Benachrichtigungen und Informationen eingestellt wurde. Die USA zogen daraufhin nach.

Das US-Verteidigungsministerium schätzt, dass China bis 2030 über mehr als 1.000 Atomwaffen verfügen wird.
Das US-Verteidigungsministerium schätzt, dass China bis 2030 über mehr als 1.000 Atomwaffen verfügen wird.
VCG/VCG via Getty Images

Russland hat angeboten, diese Obergrenzen für ein weiteres Jahr einzuhalten. Am Tag des Auslaufens des Abkommens berichtete Axios, dass Verhandlungen darüber stattfänden, dass beide Länder die Beschränkungen von „New Start“ weiterhin befolgen – ob ein solcher Deal jedoch auch Verifizierungsprozesse beinhalten würde, ist unklar. Auf die Frage, ob nach dem Auslaufen des Vertrags ein vorübergehendes Abkommen bestehe, sagte die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, vor Journalisten: „Meines Wissens nicht.“

Auch das Atomwaffenarsenal Chinas rückt zunehmend in den Fokus

In Ermangelung von „New Start“ sind Experten besorgt, dass Misstrauen und bloße Annahmen die Atommächte dazu verleiten könnten, ihre Arsenale aufzustocken. „Das erzeugt einen Domino-Effekt: Wenn die USA aus Angst vor Russlands Handeln die Zahl ihrer Sprengköpfe erhöhen, wird Russland im Gegenzug dasselbe tun“, so Knight-Boyle. In diesem Szenario müssten auch andere Atomstaaten, wie etwa China, berücksichtigt werden.

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Angesichts des Auslaufens von „New Start“ rückt Chinas Atomwaffenarsenal zunehmend in den Fokus der Verantwortlichen in Washington. Präsident Donald Trump und andere Regierungsvertreter erklärten, künftige Rüstungskontrollabkommen müssten China aufgrund seiner rasant wachsenden Atomstreitkräfte einbeziehen. Nach Schätzungen des Pentagons wird erwartet, dass Pekings Arsenal bis 2030 die Marke von 1.000 Sprengköpfen überschreiten wird.

„Der Präsident hat in der Vergangenheit klargestellt, dass echte Rüstungskontrolle im 21. Jahrhundert ohne China unmöglich ist“, sagte Außenminister Marco Rubio in dieser Woche. Washington warf Peking zudem vor, nukleare Sprengtests durchgeführt zu haben – unter anderem im Jahr 2020 –, was gegen ein internationales Verbot verstößt.

Als Reaktion auf eine Frage zur Rolle Chinas in einem potenziellen künftigen Atomabkommen erklärte Lin Jian, Sprecher des chinesischen Außenministeriums: „Chinas nukleare Schlagkraft steht keineswegs auf einer Stufe mit der der USA oder Russlands. Daher wird China vorerst nicht an Verhandlungen über nukleare Abrüstung teilnehmen.“

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