Der liebe Herr Bernhard
... und sein Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld
Es glich, nach jahrzehntelangem Ringen, einer schriftlichen Kapitulation. Am 24. November 1988 schickte Siegfried Unseld dem "lieben Herrn Bernhard" ein Telegramm: "Für mich ist eine schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten." Statt herzlicher Grüßen das Eingeständnis totaler Erschöpfung: "Ich kann nicht mehr." Der "liebe Herr Bernhard" erwiderte trocken: "Dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die sie jemals gehabt haben." Stammte solche Behauptung nicht von einem Todgeweihten, müsste darob das gute alte "homerische", ein nicht enden wollendes Gelächter erschallen. Doch noch war das Schlusswort in dieser Beziehung nicht gesprochen.
Am 28. Januar 1989 reiste Unseld wieder einmal zu einem, zum letzten Treffen mit Bernhard: nach Salzburg. Persönliche Aussprache an Stelle erbitterten Notenwechsels bewährt sich immer. Er saß einem Moribunden gegenüber, der das Ende klar vor Augen hatte. Wie stets protokollierte Unseld auch dieses Beisammensein bis ins Detail. Nein, meinte Thomas Bernhard, "er klage nicht, er habe alles erreicht, mehr könne man doch kaum erreichen. 'Das Leben ist wunderbar, die Welt großartig, wir leben in einer großen Zeit.'" Zwei Wochen danach wurde er auf dem Grinzinger Friedhof in Wien, wie er es bestimmt hatte, buchstäblich in aller Stille beerdigt. Die Welt, auch Siegfried Unseld, erfuhr erst jetzt, dass der Dichter bereits am 12. Februar gestorben war.
Der Briefwechsel zwischen Bernhard und Unseld ist, nicht allein wegen seiner 870 Seiten, ein gewaltiges, ein ungeheuerliches Buch. In dieser hochdramatischen Korrespondenz präsentiert sich uns einer der besten Romane und zugleich die herrlichste Tragikomödie aus Thomas Bernhards Oeuvre. Das hat auch damit zu tun, dass ein Co-Autor, ein Mit- und Gegenspieler seltenen Ranges am Werk war. Wer bis dato vom Wesen, von der Lebensleistung des Jahrhundertverlegers Siegfried Unseld keine genaue Vorstellung hatte, weiß danach ausreichend Bescheid. Zum Staunen gesellt sich Bewunderung: Was hat dieser Mensch nicht alles ausgehalten! Mit welch diplomatischem Geschick behandelte er jemanden über Jahrzehnte hinweg, für den die Kennzeichnung "schwierig" blanke Untertreibung wäre! Wie viel Engagement und Sachverstand, wie viel Schweiß und Herzblut investierte er in seine Arbeit!
Selbstverständlich ist Unseld kein reiner Mäzen und Säulenheiliger des L'art pour l'art gewesen, sondern vor allem ein glänzender, ein gerissener Geschäftsmann, ein visionärer Stratege der Branche.
Verglichen mit dem vermeintlich in anderen Sphären schwebenden Sprachkünstler Bernhard war er jedoch nichts als ein begabter Anfänger. Denn der Schriftsteller verfügte, auch und gerade in Gelddingen, über eine wahrlich grandiose Unverschämtheit: Seine urösterreichische Chuzpe entbehrte nicht der Grandezza, er taktierte unermüdlich, bis er seine Wünsche - oft durch sanfte Erpressung - durchgesetzt hatte. Schon bei der ersten Begegnung, Ende Januar 1965, in Unselds Frankfurter Haus, hatte er ihm, der krank war und fieberte, einen Vorschuss von nicht weniger als 40 000 Mark entlockt - für den Erwerb seiner wichtigsten Liegenschaft, einem Vierkanthof in Ohlsdorf bei Gmunden am Traunsee. Der aussagekräftige Anfang eines ebenso stark finanziell wie literarisch geprägten Verhältnisses. Bis der Verlag an einem seiner späteren Starautoren wirklich verdiente, sollte es geraume Zeit dauern. Und gleich zu Beginn wurde der Verleger belehrt: "In die Poesie gehört die Ökonomie, in die Fantasie die Realität, in das Schöne das Grausame, Hässliche, Fürchterliche hineingemischt." Eine in der Tat bekömmliche Mixtur.
Ein Darlehen folgte der nächsten Anzahlung und umgekehrt, naturgemäß zusätzlich zu monatlichen Fixbeträgen. Die Summen stiegen, und wenn Bernhard Schwarz auf Weiß über seinen tatsächlichen Kontostand aufgeklärt wurde, tat er ungläubig überrascht. Einen Vorteil hatte sich Unseld freilich gesichert: Er ging blendend vorbereitet in die Verhandlungen, vermochte dadurch so manche absurde Forderung zu parieren - trotzdem gab er zumeist nach. Warum?
Er erkannte wohl die überragende Qualität des mühsamen Vertragspartners, ahnte den künftigen Klassiker voraus, der seinem Haus Ruhm und Ehre und schließlich auch Gewinn bringen würde. Nicht zu vergessen jedoch: der menschliche Faktor. Bernhard, der heitere Misanthrop, konnte bei Bedarf ungemein charmant sein, umgarnte das jeweilige Gegenüber.
"Ich mag Sie halt sehr!", bekannte Siegfried Unseld im Februar 1972. Und: "Dieser Satz wird für die Verlagskopien gestrichen, er geht außer uns schließlich niemand etwas an."
Bei den zahlreichen Skandalen und Skandälchen rund um die Premieren des Dramatikers Bernhard bewährte sich Unseld als verlässlicher Mitstreiter, zuweilen sogar wider besseres Wissen. Wer sich über Bernhards ebenso steile wie stürmisch bewegte Bühnenkarriere informieren möchte, hat übrigens im Wiener Palais Lobkowitz in der vorzüglichen, auch vorbildlich inszenierten Gedenkausstellung "Thomas Bernhard und das Theater" (Österreichisches Theatermuseum, bis 4. Juli 2010; Katalog im Christian Brandstätter Verlag, 27,90 Euro) beste Gelegenheit dazu.
Bernhards Schimpfkanonaden sind außerordentlich unterhaltsam. In München etwa wäre er 1973 am liebsten auf die Bühne gesprungen und "hätte diese niederträchtigen Lemuren von größenwahnsinnigen Schauspielern eigenhändig umgebracht, nicht ohne vorher dem so genannten Regisseur tödliche Ohrfeigen versetzt zu haben. Dieses deutsche Theater, lieber Doktor Unseld, nimmt doch das Maul bis zur Ungeheuerlichkeit voll, während es doch nicht das geringste Hirn hat."
Vom Unternehmen Suhrkamp fühlte er sich grundsätzlich im Stich gelassen. Mit beträchtlicher Hingabe intrigierte er beim Chef gegen leitende Angestellte. Die Ausnahme bildete Unselds engste Mitarbeiterin, dessen Sekretärin Burgel Zeeh, der er blind vertraute. Offenkundig beschwerte er sich auch um der Beschwerde willen. Eben das machte und macht ihn, für ungefährdete Außenstehende, amüsant.
Was er von Unseld apodiktisch verlangte, unbedingte Treue, war seine Sache überhaupt nicht. Er war ein raffinierter ehelicher Seitenspringer, der immer aufs Neue seine Versprechen brach. Dem Salzburger Residenz Verlag überantwortete er ungeniert einen autobiografischen Band nach dem anderen. Kein Wunder, dass Unseld das als Verrat empfand und zermürbt das Handtuch warf: Sein "Ich kann nicht mehr" wirkt völlig nachvollziehbar.
Es ist nun mal so Sitte: Jeder bedeutende Literat hält seine Kollegen für unbedeutend und überschätzt. Diesem Brauch huldigte Thomas Bernhard hemmungslos. Dass Unseld gegen Thomas Bernhards Erstes Gebot ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!") verstieß, versteht sich von selbst. Als Großverleger hatte er nicht bloß eine Primadonna zu betreuen. Insbesondere, polterte Bernhard in einem vorsichtshalber dann doch nicht abgeschickten Eifersuchtsbrief, habe Suhrkamp den "absoluten Kleinbürgerschmarren von Martin Walser" in der Werbung weit über Gebühr bevorzugt: "Sie haben in meinen Rolls-Royce nur einen Liter Normalbenzin gegossen und ihn stehen lassen, während Sie in den Opel-Kadett Ihres Freundes vier bis fünf Zusatztanks haben einbauen und mit Superbenzin haben anfüllen lassen." Bei Autos kannte sich der Herrenfahrer des Lebens Thomas Bernhard aus: Dieser Tage wurde auf Ebay sein zuletzt erworbenes Fahrzeug, ein Geländewagen ausgerechnet des Typs "Samurai", als Reliquie für 30 000 Euro verkauft: das Sechsfache des realen Werts. Bernhard hätte seine Freude gehabt.
"Vollkommen ist niemand - nur Thomas Bernhard, wenn er schimpft." Das wusste Unseld und zog daraus die Konsequenzen - er bemühte sich, die unerquicklichen Seiten des feindlichen Freundes nicht persönlich zu nehmen. Uns ergeht es ähnlich: Was uns im Alltag deprimieren würde - die Egozentrik, die Bosheit, die Illoyalität -, stört den Lesenden nicht im Geringsten: Die Lektüre dieses auch editorisch hervorragend gestalteten Briefwechsels sorgt, Zauber der literarischen Verwandlung, für höhere Heiterkeit. Wir müssen uns Thomas Bernhard als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Briefwechsel. Hrsg. von Raimund Fellinger ed. al. Suhrkamp, Frankfurt/M. 869 S., 39,80 Euro.