Wie funktioniert eigentlich?
Ein kurzer Windstoß, ein hastiges Manöver und das Gespann gerät ins Schlingern. Abhilfe kann hier unter anderem eine digitale „Gespann-Beruhigung“ leisten: das sogenannte Anhänger-ESP.
SP-X/Köln. Wer schon einmal mit Wohnwagen oder Lastanhänger unterwegs war, kennt das ungute Gefühl: Plötzlich wird das Gespann nervös, der Hänger beginnt zu pendeln und binnen Sekunden setzt ein gefährliches Aufschaukeln ein. Das Grundproblem liegt in der Physik des Gespanns: Auto und Anhänger bilden ein System mit eigenem Schwingungsverhalten. Gerät dieses aus dem Takt, etwa durch Seitenwind, Spurrillen, überholende Lkw oder hastige Lenkmanöver, können sich die Bewegungen gegenseitig verstärken. Im Extremfall drohen Kontrollverlust, Schleudern und mitunter sogar das Umkippen des Anhängers samt Zugfahrzeug. Genau hier setzt das Anhänger-ESP an. Es ist keine eigenständige Hardware, sondern eine Zusatzfunktion des bekannten Elektronischen Stabilitätsprogramms (ESP). Während das klassische ESP primär das Zugfahrzeug stabilisiert, erweitert das Anhänger-ESP diese Logik um den Hängerbetrieb: Das System erkennt, dass ein Anhänger angekuppelt ist und greift bei ersten Anzeichen von Pendelbewegungen gezielt ein, bevor sich die gefährlichen Schwingungen aufbauen. Den Weg zu dieser Funktion hat das ESP selbst bereitet, das seit den späten 1990er-Jahren zur Serienausstattung vieler Autos und seit 2014 sogar zur Pflichtausstattung von Neuwagen gehört. Bereits die ESP-Grundfunktion hilft Gespannen, auf Kurs zu bleiben, indem sie bei drohendem Ausbrechen einzelne Räder des ziehenden Fahrzeugs abbremst und das Motormoment reduziert. Der entscheidende nächste Schritt war jedoch die Erweiterung um spezielle Algorithmen für den Anhängerbetrieb. Entwickelt wurde diese unter anderem von Zulieferern wie Bosch und später von zahlreichen Herstellern in die eigenen Fahrdynamiksysteme integriert. Damit wurde aus allgemeiner Stabilitätskontrolle eine gezielte „Gespann-Beruhigung“. Technisch nutzt das Anhänger-ESP also dieselben Sensoren für Lenkwinkel, Gierrate sowie Raddrehzahl wie das normale ESP. Aus den Sensordaten errechnet die Software fortlaufend, wie sich Fahrzeug und gegebenenfalls auch Anhänger bewegen. Typisch für beginnendes Pendeln ist ein rhythmisches Wechselspiel von Querbewegungen und Gierbewegungen um die Hochachse. Registriert die Bordelektronik diese charakteristischen Muster, setzt es punktgenau Bremsimpulse meist an den Vorderrädern oder diagonal, um gezielt ein Gegenmoment aufzubauen. Gleichzeitig kann die Motorleistung reduziert werden. Diese kurzen, kaum spürbaren Eingriffe wirken wie ein Dämpfer im Schwingungssystem: Die Energie der Pendelbewegung wird abgebaut, das Gespann richtet sich wieder gerade. Gute Systeme greifen bereits in der Frühphase ein und verhindern so, dass sich das Aufschaukeln überhaupt erst richtig entwickelt. Wichtig ist die Abgrenzung: Das Anhänger-ESP ist nicht zu verwechseln mit Antischlingersystemen für Anhänger. Solche mechanischen oder hydraulischen Lösungen sitzen direkt in der Auflaufbremse des Trailers. Sie arbeiten rein passiv, indem sie bei seitlichen Bewegungen die Bremsen des Anhängers anlegen und so die Schlingerbewegung dämpfen. Am sichersten für den Hängerbetrieb ist die Kombination beider Techniken, sofern diese technisch kompatibel sind: Anhänger-ESP im Zugfahrzeug plus Antischlingersystem am Hänger. Während das ESP aktiv und vorausschauend eingreift, sorgt das Antischlingersystem zusätzlich für mechanische Beruhigung direkt am Trailer. Wer regelmäßig mit Anhänger oder Wohnwagen fährt, profitiert von Anhänger-ESP spürbar. Insofern sollte man sich bei der Wahl des Zugfahrzeugs gezielt darüber informieren, ob dieses auch ein Anhänger-sensibles Stabilitätsprogramm bietet. Unabhängig davon, ob diese Zusatzfunktion an Bord ist: Für den Hängerbetrieb bleiben korrekte Beladung, passende Stützlast und defensiver Fahrstil weiterhin wichtige Grundvoraussetzungen für sichere Fahrten.